Tugenden und Laster nach Hildegard von Bingen

 

Tugenden und Laster nach Hildegard von Bingen

Ein geistiges Ordnungsmodell für innere Balance und Selbsterkenntnis.


Hildegard von Bingen (1098–1179) beschreibt in ihrem Werk „Liber Vitae Meritorum“ (Buch der Lebensverdienste) ein faszinierendes System aus 35 Tugenden und den ihnen gegenüberstehenden Lastern. Für Hildegard waren dies keine abstrakten Begriffe, sondern reale Wirkkräfte, die den Menschen entweder stabilisieren oder belasten können.

Das Prinzip der Gegenkräfte

In diesem Denken steht jede positive Tugend einer inneren Gegenkraft gegenüber. Während Tugenden wie Maß, Klarheit und Frieden das Leben ordnen, wirken Laster zersetzend und führen oft zu innerer Leere oder Maßlosigkeit. Diese 35 Paare zeigen die typischen Konfliktlinien der menschlichen Seele auf – zeitlos und heute noch genauso aktuell wie im Mittelalter.

Die 35 Paare im Überblick

Lateinische Bezeichnung ↔ Deutsche Bedeutung

  1. Amor saeculi (Bindung an das Materielle) ↔ Amor caelestis (Ausrichtung auf das Himmlische)
  2. Petulantia (Zügellosigkeit) ↔ Disciplina (Ordnung)
  3. Joculatrix (Vergnügungssucht) ↔ Verecundia (Bescheidenheit)
  4. Obduratio (Unbarmherzigkeit) ↔ Misericordia (Mitgefühl)
  5. Ignavia (Trägheit, Resignation) ↔ Divina victoria (innere Überwindung)
  6. Ira (Zorn) ↔ Patientia (Geduld)
  7. Inepta laetitia (Zynismus) ↔ Gemitus ad Deum (innere Ausrichtung)
  8. Ingluvies ventri (Maßlosigkeit) ↔ Abstinentia (Enthaltsamkeit)
  9. Acerbitas (Verbitterung) ↔ Vera largitas (Großzügigkeit)
  10. Impietas (Rücksichtslosigkeit) ↔ Pietas (Güte)
  11. Fallacitas (Unwahrhaftigkeit) ↔ Veritas (Wahrheit)
  12. Contentio (Streitsucht) ↔ Pax (Friedensfähigkeit)
  13. Infelicitas (innere Leere) ↔ Beatitudo (Erfüllung)
  14. Immoderatio (Maßlosigkeit) ↔ Discretio (rechtes Maß)
  15. Perditio animarum (Seelenkälte) ↔ Salvatio animarum (seelische Ausrichtung)
  16. Superbia (Hochmut) ↔ Humilitas (Demut)
  17. Invidia (Neid) ↔ Caritas (Nächstenliebe)
  18. Inanis gloria (Ruhmsucht) ↔ Timor Domini (Ehrfurcht)
  19. Inobedientia (Unordnung) ↔ Obedientia (Einordnung)
  20. Infidelitas (Unglaube) ↔ Fides (Glaube)
  21. Desperatio (Hoffnungslosigkeit) ↔ Spes (Hoffnung)
  22. Luxuria (Übermaß) ↔ Castitas (Einfachheit)
  23. Injustitia (Ungerechtigkeit) ↔ Justitia (Gerechtigkeit)
  24. Torpor (Erschlaffung) ↔ Fortitudo (Standhaftigkeit)
  25. Oblivio (geistige Dumpfheit) ↔ Sanctitas (innere Klarheit)
  26. Inconstantia (Unbeständigkeit) ↔ Constantia (Beständigkeit)
  27. Cura terrenorum (Sorgenfixierung) ↔ Caeleste desiderium (Ursehnsucht)
  28. Obstinatio (Verstocktheit) ↔ Compunctio cordis (Umkehrbereitschaft)
  29. Cupiditas (Abhängigkeit) ↔ Contemptus mundi (innere Freiheit)
  30. Discordia (Zwietracht) ↔ Concordia (Harmonie)
  31. Scurrilitas (Spott) ↔ Reverentia (Würde)
  32. Vagatio (Zerstreuung) ↔ Stabilitas (Stabilität)
  33. Maleficium (Irrwege) ↔ Cultus Dei (Ausrichtung auf Gott)
  34. Avaritia (Geiz) ↔ Sufficientia (Genügsamkeit)
  35. Tristitia speculi (Weltschmerz) ↔ Coeleste gaudium (tiefe Freude)

Anwendung zur Selbsterkenntnis

Diese Gegenüberstellungen sind mehr als nur eine Liste; sie sind ein Trainingsplan für die eigene Persönlichkeit. Wer erkennt, welches Muster (Laster) gerade im Vordergrund steht, kann gezielt die entsprechende Tugend fördern, um wieder in die Mitte zu finden.

Häufig gestellte Fragen

Wo hat Hildegard von Bingen die Tugenden und Laster beschrieben?
Die systematische Darstellung findet sich in ihrem Werk „Liber Vitae Meritorum“ (Buch der Lebensverdienste). Dort werden die Tugenden und Laster als gegensätzliche Kräfte beschrieben, die die menschliche Seele beeinflussen.
Wie viele Tugenden beschreibt Hildegard von Bingen insgesamt?
In dieser speziellen Lehre werden insgesamt 35 Tugenden jeweils einem entsprechenden Laster gegenübergestellt, um ein vollständiges Bild der menschlichen Charakterzüge zu zeichnen.
Warum sind die Tugenden heute noch relevant für den Alltag?
Hildegards Modell dient als zeitlose Landkarte zur Selbsterkenntnis. Wer versteht, welches Laster (z.B. Zorn) ihn gerade belastet, kann bewusst die Gegenkraft (Geduld) stärken, um wieder in die innere Balance zu finden.
Was bedeutet die zentrale Tugend „Discretio“ (rechtes Maß)?
Die Discretio gilt als die Mutter aller Tugenden. Sie bezeichnet das „rechte Maß“ in allen Lebensbereichen – von der Ernährung bis zum geistigen Schaffen – und verhindert die gefährliche Maßlosigkeit in beide Extreme.